Sagen aus Wien
"Das Veilchenfest"
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Zur Zeit der Babenbergerherzöge gab es eine fröhliche Hofgesellschaft, die gar viele Feste mit Musik und fröhlichem Tanze beging. Besonders beliebt war das Veilchenfest. Es kündigte nach langer Winterszeit den Frühling an. Wer das erste Veilchen draußen auf einer Wiese fand, deckte es mit seinem Hut zu und meldete den Fund dem Herzog. Dieser ließ sich mit seiner Frau und dem ganzen Hofstaat, mit Musikanten und Stadtbewohnern zu dem Platz geleiten, wo der Finder den kleinen Frühlingsboten unter seinem Hut verborgen hatte.  Die Leute tanzten im Kreis um den Hut und sangen ein Frühlingslied dazu.Nun geschah es, daß an einem Frühlingstag ein Ritter über eine Wiese schritt, den Blick zu Boden gesenkt. Er hoffte, das erste Veilchen zu entdecken. Und siehe da, Herr Neidhart von Reuenthal, so hieß unser Ritter, sah das lila Köpfchen zwischen den Gräsern hervorlugen. Hurtig deckte er seinen Hut über das Blümchen und machte sich eilig auf den Weg zum Herzog. Hinter einem Gebüsch hatten zwei Bauernburschen den Ritter beobachtet. Sie mochten ihn nicht, da er ihnen beim Tanze schon mehrmals ihre Mädchen abspenstig gemacht hatte und die Dorfbewohner mit Spottliedern verhöhnte. Nun wollten sie sich rächen. Sie hoben den Hut auf, pflückten das Veilchen und legten übelriechenden Unrat unter den Hut. Hoch erfreut vernahm der Herzog die Einladung zum Veilchenfest. Bald schon schritt eine festlich gestimmte Schar zu dem Platze hin, den der Ritter genannt hatte. Auf der grünen Wiese hielten die Scharen an. Ritter Neidhart trat vor, um die Festteilnehmer im Kreis um die Stelle des zugedeckten Veilchens zu ordnen. Er sang ein Lied, dann hielt der Herzog eine festliche Ansprache. Dann bat Neidhart den Herzog, den Hut persönlich zu heben, das Veilchen zu pflücken und seiner Gemahlin zu überreichen.Keiner ahnte, welch furchtbarer Augenblick bevorstand. Der Herzog trat gut gelaunt in die Mitte, hob den Hut und prallte entsetzt zurück. Dann blickte er wutentbrannt zu Neidhart von Reuenthal, schritt mit seiner Gattin zu den Pferden und ritt, ohne nochmals zurückzublicken, davon. Sobald das Fürstenpaar den Platz verlassen hatte, stimmten die Bauern ein dröhnendes und zwerchfellerschütterndes Lachen an. Allen war jetzt klar, daß diese Bosheit Neidhart gegolten hatte. Die ganze Schar zog nun singend und immer wieder in Lachen ausbrechend, zu einem nahen Wirtshaus. Siehe da, in der Stubenmitte stand eine Stange und daran gebunden das vermißte Veilchen. Nun tanzten die Dorfbewohner um das Blümchen und sangen und sprachen kräftig dem Weine zu. Neidhart hatte inzwischen erfahren, daß dieser böse Spaß die Rache der Bauern gewesen war, weil er sie so oft gereizt hatte. Er verzieh ihnen die ihm angetane Schmach. Dem Herzog aber schilderte er den Vorfall mit beschwichtigenden Worten. Über dessen Gesicht zog ein stilles Lächeln, als er sagte: "Wir wollen alles verzeihen und vergessen. Und der nächste Frühling möge uns wieder ein Veilchenfest in altgewohnter Weise bringen!"
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