Wien, Opernhaus: Spätromantischer Historismus.
Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll,
1861-1869
132 Jahre Haus am Ring
Staatsoper ( K.K. Hofoper) 1901
Über dreieinhalb Jahrhunderte, bis in die Zeit des
Frühbarock, reicht die Tradition der Wiener Opernpflege zurück. Kaiser
Franz Joseph I. dekretierte im Dezember 1857, die alten Stadtmauern und
Befestigungen um die Wiener Innenstadt abzureißen und einen breiten
Boulevard mit neuen Prachtbauten für Kunst und Politik, die Ringstraße,
anzulegen.
Auch die beiden Hoftheater (ein Sprech- und ein Musiktheater) sollten am
Ring einen neuen Platz finden. Für das Kaiserlich-königliche
Hofoperntheater wurde ein prominenter Platz im unmittelbaren Bereich des
ehemaligen Kärntnertortheaters gewählt. Dieses vom Publikum so geliebte
Operntheater aus dem Jahre 1709 wurde aufgrund seiner Beengtheit
abgerissen.
Staatsoper ( K.K. Hofoper) 1903
Erbaut wurde das neue Opernhaus von den Wiener
Architekten August von Sicardsburg, der den Grundplan entwarf, und
Eduard van der Nüll, der die Innendekoration gestaltete. Aber auch
andere bedeutende Künstler hatten mitgewirkt: man denke nur an Moritz
von Schwind, der die Fresken im Foyer und den berühmten
"Zauberflöten"-Freskenzyklus in der Loggia malte. Die beiden Architekten
erlebten die Eröffnung "ihres" Opernhauses nicht mehr. Der sensible van
der Nüll beging Selbstmord, da die Wiener das neue Haus als stillos
abqualifizierten, sein Freund Sicardsburg erlag wenig später einem
Schlaganfall.
1869 - 1955
Am 25. Mai 1869 wurde das Haus mit Mozarts DON JUAN
in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph, dem allerhöchsten Bauherren, und
Kaiserin Elisabeth feierlich eröffnet.
Mit der künstlerischen Ausstrahlung unter den ersten Direktoren Franz
von Dingelstedt, Johann Herbeck, Franz Jauner und Wilhelm Jahn wuchs
jedoch auch die Popularität des Bauwerkes. Einen ersten Höhepunkt
erlebte die Wiener Oper unter dem Direktor Gustav Mahler, der das
veraltete Aufführungssystem von Grund auf erneuerte, Präzision und
Ensemblegeist stärkte und auch bedeutende bildende Künstler (darunter
Alfred Roller) zur Formung der neuen Bühnenästhetik heranzog.
In seiner zehnjährigen Direktionszeit (von 1897 bis
1907) setzte Gustav Mahler, noch heute in den Konzertsälen der Welt als
bedeutendster Symphoniker an der Schwelle zum 20. Jahrhundert
omnipräsent, die intensive Wagner-Pflege fort, Mozarts Opern und
Beethovens FIDELIO wurden neugestaltet, die Verbindung mit Verdi wurde
aufrechtgehalten, mit Richard Strauss angebahnt. Österreichische
Komponisten wurden gefördert (Hugo Wolf), der europäischen Moderne die
Hofoper geöffnet.
Bild: Kaiser Franz Joseph I.
und Kaiser Wilhelm II. während einer Galavorstellung in der
Wiener Hofoper aus dem um 1900 entstandenen "Buch vom Kaiser",
herausgegeben von Max Herzig.
Technik: Lithographie
aus
www.aeiou.at
Neben den Klassikern des italienischen Repertoires
waren und sind vor allem Mozart, Wagner und Richard Strauss (selbst von
1919 bis 1924 Direktor des Hauses) die musikalischen Schutzgötter der
Wiener Staatsoper.
Auch die Moderne hatte stets ihren Platz: die
zwanziger und dreißiger Jahre erlebten die Wiener Erstaufführungen von
Kreneks JONNY SPIELT AUF, Hindemiths CARDILLAC, Korngolds WUNDER DER
HELIANE und Bergs WOZZECK (unter Direktor Clemens Krauss). Diese
Tradition wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten
unterbrochen, ja, nach den verheerenden Bombentreffern, die am 12. März
1945 das Haus am Ring weitgehend verwüsteten, war die Pflege der
Kunstform selbst fraglich.
Die Wiener, die sich während des Krieges ein reges
Kulturleben bewahrt hatten, waren zutiefst erschüttert, das Symbol
österreichischer Musikpflege in Schutt und Asche zu sehen.
Aber der Geist der Oper war nicht zerstört. Bereits am 1. Mai 1945 wurde
die "Staatsoper in der Volksoper" mit einer glänzenden Aufführung von
Mozarts DIE HOCHZEIT DES FIGARO eröffnet, am 6. Oktober 1945 folgte die
Wiedereröffnung des in aller Eile restaurierten Theaters an der Wien mit
Beethovens FIDELIO. Damit gab es für die nächsten zehn Jahre zwei
Spielstätten, während das eigentliche Stammhaus mit großem Aufwand
wiedererrichtet wurde.
Schon am 24. Mai 1945 hatte der Staatssekretär für
öffentliche Bauten, Ing. Julius Raab, den Wiederaufbau der Wiener
Staatsoper verkündet, der in die Hände der österreichischen Architekten
Erich Boltenstern und Otto Prossinger gelegt werden sollte. Nur die
Hauptfassade, die Feststiege und das Schwindfoyer waren von den Bomben
verschont geblieben - mit neuem Zuschauerraum und modernisierter Technik
wurde die Wiener Staatsoper glanzvoll mit Beethovens FIDELIO unter Karl
Böhm am 5. November 1955 wiedereröffnet. Die Eröffnungsfeierlichkeiten
wurden vom Österreichischen Fernsehen übertragen und in der ganzen Welt
zugleich als Lebenszeichen der neuerstandenen 2. Republik verstanden.
Das Diktum, daß die Wiener Staatsoper jeden Direktor
überlebt, wird Egon Seefehlner zugeschrieben, der selbst durch viele
Jahre die Geschicke des Hauses leitete. Und doch prägten er und die
einunddreißig anderen Direktoren der Wiener Oper seit 1869, große
Musikerpersönlichkeiten oder musische Administratoren, auf ihre Weise
das Profil dieser weltberühmten Institution:
Nach dem zweiten Weltkrieg waren es zuerst die
Dirigenten-Direktoren Karl Böhm und Herbert von Karajan - letzterer
bestand auf dem Titel "Künstlerischer Leiter" und öffnete das
Ensemblehaus dem internationalen Sängermarkt, ließ die Opern in
Originalsprache einstudieren und richtete seine Pläne auf
"Gemeinschaftsproduktionen" mit ausländischen Opernhäusern, die jedoch
erst nach seiner Amtszeit verwirklicht wurden.
Es folgten als Direktoren Egon Hilbert, Heinrich Reif-Gintl, Rudolf
Gamsjäger und der erwähnte Egon Seefehlner, der nach dem Abgang seines
Amtsnachfolgers Lorin Maazel ein zweites Mal an die Spitze des Hauses
berufen wurde. Claus Helmut Drese (Staatsoperndirektor von 1986 bis
1991) stand mit Claudio Abbado ein international angesehener
Musikdirektor zur Seite. Zu Beginn der 90er Jahre wurde der ehemahlige
Star-Bariton Eberhard Waechter, zu jenem Zeitpunkt Direktor der
Volksoper, mit der Leitung betraut. Nur sieben Monate waren ihm als
Direktor beschieden.
Die Ära Ioan Holender (seit
1992)
Nach Waechters tragischem Tod im März 1992 übernahm
Generalsekretär Ioan Holender, ein ehemaliger Sänger (Bariton) und
Inhaber einer Sänger-Agentur, das Amt, die Tradition des vielleicht
bedeutendsten Operninstituts der Welt über die Jahrtausendwende bis 2010
fortzuführen.
Seine Spielplangestaltung setzt neben einem besonders
breiten Repertoire mit den Säulen Mozart, Wagner, Verdi und Strauss vor
allem auf Erstaufführungen. Zu nennen sind Bellinis I PURITANI
(1993/94), Massenets HÉRODIADE (1994/95), Verdis JÉRUSALEM und Brittens
PETER GRIMES (1995/96), Verdis STIFFELIO und Enescus OEDIPE (1996/97),
Rossinis GUILLAUME TELL und Lehárs Operette DIE LUSTIGE WITWE (1998/99)
sowie Schönbergs DIE JAKOBSLEITER, Hillers PETER PAN, Donizettis ROBERTO
DEVEREUX, Brittens BILLY BUDD, Verdis NABUCCO (2000/01), Bellinis LA
SONNAMBULA, Gounods ROMÉO ET JULIETTE, Janáceks JENUFA (2001/02), Verdis
SIMON BOCCANEGRA, Kreneks JONNY SPIELT AUF, Donizettis LA FAVORITE,
Hillers PINOCCHIO, Wagners TRISTAN UND ISOLDE (2002/03), Verdis
FALSTAFF, Wagners FLIEGENDER HOLLÄNDER und PARSIFAL, Strauss' DAPHNE
(2003/04) und die Uraufführung der französischen Originalsversion von
Verdis DON CARLOS (2003/04). Als besonderer Erfolg der jüngsten
Vergangenheit darf die Wiederentdeckung von Fromental Halévys Grand
Opéra LA JUIVE (1999) gewertet werden. Zwei Uraufführungen galten 1995
Adriana Hölszkys DIE WÄNDE (Koproduktion mit den Wiener Festwochen im
Theater an der Wien) und Alfred Schnittkes Gesualdo. Am 15. Juni 2002
wurde außerdem DER RIESE VOM STEINFELD (Musik: Friedrich Cerha,
Libretto: Peter Turrini), einem weiteren Auftragswerk der Wiener
Staatsoper mit großem Erfolg uraufgeführt.
Bild: Staatsoper Wien
In den letzten Jahren kam es, jeweils am 18. Mai, dem
Todestag Gustav Mahlers, zu Konzerten der Wiener Philharmoniker in der
Wiener Staatsoper. Diese standen unter der Leitung von Seiji Ozawa (der
seit der Saison 2002/03 dem Staatsoperndirektor Holender als
Musikdirektor des Hauses zur Seite steht) (1995), Carlo Maria Giulini
(1996), Riccardo Muti (1997), Lorin Maazel (1998), Zubin Mehta (1999),
Giuseppe Sinopoli (2000), Riccardo Muti (2001) und wiederum Seiji Ozawa
(2004).
Darüberhinaus wurde am 16. Juni 2002 von den Wiener Philharmonikern
(unter Seiji Ozawa) erstmals ein KONZERT FÜR ÖSTERREICH veranstaltet.
Weitere KONZERTE FÜR ÖSTERREICH folgten am 26. OKtober 2003 (unter Zubin
Mehta) und am 26. Oktober 2004 (unter Valery Gergiev).
Im Theater an der Wien erlebte Mozarts COSÌ FAN TUTTE unter Riccardo
Muti eine triumphale Neuproduktion. Dieser Mozart-Zyklus unter Muti
wurde 1999 mit DON GIOVANNI und 2001 mit LE NOZZE DI FIGARO fortgesetzt.