Vor fast 120 Jahren ließ sich der Bierbrauer
Moriz von Kuffner eine eigene Sternwarte zum Zwecke der Erforschung
des Himmels erbauen.
Die Geschichte seines Institutes spiegelt die Entwicklung der
Astronomie und Astrophysik um die Jahrhundertwende wider, führt die
persönlichen Schicksalsschläge der Weltkriege vor Augen und
dokumentiert die Aufbauphase als Bildungsinsinstitution der zweiten
Republik.
1896 wurde in der zweiten Kuppel das
große Heliometer errichtet. Mit einem Teleskop dieser Art gelang 1838
Friedrich Wilhelm Bessel in Königsberg die erste erfolgreiche Messung
einer Fixsternentfernung am Stern 61 Cygni. Leo de Ball vervollständigte
nun mit diesem Instrument die großzügige Ausstattung der Sternwarte. Es
sollte schließlich das größte jemals gebaute Heliometer der Welt werden.
16 Sternentfernungen (von damals weltweit 100 bekannten) konnten
innerhalb weniger Jahre vermessen werden. Die Beobachtungen lieferten
einen entscheidenden Beitrag zur Vermessung unserer Sonnenumgebung und
der Positionsastronomie allgemein.
Mit diesem Instrumentarium versehen und unter Mitarbeit erfahrener
Astronomen hatte die Kuffner-Sternwarte in 30 Jahren internationalen Ruf
erlangt. Der erste Weltkrieg bedeutete wegen des entstandenen Personal-
und Geldmangels jedoch das Ende der Sternwarte als wissenschaftliche
Forschungsstätte. Nach dem Tode Leo de Balls im Jahre 1916 wurde kein
neuer Direktor bestellt und neue Investitionen an Gebäude und
Instrumenten blieben aus. Die ungünstige Zeit der Weltwirtschaftskrise
und die unsichere politische Lage machten in der Zwischenkriegszeit alle
Bemühungen zur Revitalisierung der Sternwarte zunichte. Moriz von
Kuffner verlor das Interesse an seinem Institut und überließ 1930 die
Sternwarte der Akademie der Wissenschaften. Diese trat im Jahre 1933
frühzeitig vom Vertrag zurück und die Sternwarte fiel wiederum in die
Obsorge Kuffners. Die politische Lage verschlechterte sich zusehends und
im Jahre 1938 mussten Kuffner und seine Familie schließlich in die
Schweiz emigrieren, wo er am 5. März 1939 in Zürich starb. Die
Sternwarte wurde enteignet und es zogen diverse politische
Parteiorganisationen ein. Bis 1946 sollte sich an diesem traurigen Bilde
leider nichts ändern. Berufs- und Amateurastronomen betreuten zunächst
ehrenamtlich die Sternwarte und ihre Veranstaltungen. Über 5000 Besucher
jährlich nahmen an zahlreichen Führungen und Veranstaltungen teil und
bezeugten ihr Interesse an Astronomie, Bildung und der
Kuffner-Sternwarte selbst. Im Juni 1987 kaufte die Stadt Wien
schließlich die Sternwarte. Aus Mitteln des Altstadtsanierungsfonds
konnte bereits im Herbst 1989 mit der Renovierung der Hauptkuppel
begonnen werden. Ein Jahr später folgten Haupt- und Heliometertrakt,
sowie die Gartenanlage und ihre Einfriedung. Darüber hinaus erhielt die
Sternwarte einen neuen Vortragssaal für 100 Hörer. 1994 wurde mit der
originalgetreuen Restaurierung der astronomischen Instrumente begonnen.
Ab August 1995 wurde die Sternwarte wiederum in die Wiener Volksbildung
eingegliedert und erstmals seit 1916 betreut hauptberufliches Personal
das Observatorium. Als Zweigstelle der Volkshochschule Ottakring begann
im Oktober 1995 der neue Führungs- und Bildungsbetrieb. Neben den
klassischen Sternführungen wird an einem reichen Bildungs- und
Kulturprogramm gearbeitet. Das Programm konzentriert sich auf die
Entwicklung eines Konzeptes zur Neugestaltung von Bildung in den
Bereichen Astronomie, Astrophysik und Weltraumwissenschaften. Das Ziel
dieser Arbeit ist die Zusammenführung von Bildung, Wissenschaft, Kultur
und Erziehung im astronomischen Umfeld.