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| Tschernobyl und die
Folgen für Österreich |
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Tschernobyl Kraftwerksblock mit Sarkophag. Ukraine. Kiew.
April 2009 - © Sergey Kamshylin |
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| Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich
am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe
der ukrainischen Stadt Prypjat. Sie wurde auf der siebenstufigen
internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse als
katastrophaler Unfall auf der höchsten Stufe dieser Skala
eingeordnet. Große Mengen an radioaktivem Material wurden in die
Luft geschleudert und verteilten sich hauptsächlich über die
Region nordöstlich von Tschernobyl, aber auch über viele
Regionen Europas. |
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Die Modellierung der
radioaktiven Belastung der Böden Österreichs |
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Ulrike Rappelsberger, Peter Bossew und Eberhardt Henrich
Umweltbundesamt , Österreichisches Ökologieinstitut ,
BM für Gesundheit und Konsumentenschutz |
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Österreich zählt zu den von der
Tschernobyl-Katastrophe am 26. April 1986 am stärksten
betroffenen Ländern. Die Spitzenwerte der Bodenbelastung mit
Cäsium-137 liegen bei über 150 kBq/m². Höhere Werte der
Deposition (über 200 kBq 137Cs/m2) finden sich sonst nur in der
Ukraine, in Weißrußland, Rußland und in Teilen Skandinaviens.
Das Umweltbundesamt hat gemeinsam mit dem Bundesministerium für
Gesundheit die in Österreich seit dem Reaktorunfall in
Tschernobyl durchgeführten Messungen der Kontamination der Böden
mit Cäsium-137 in einer Datenbank zusammengefaßt. Damit die
Auswirkungen dieser Katastrophe bewertet und etwaige künftige,
neue Kontaminationen rascher und besser quantifiziert werden
können, wurde eine detaillierte Bestandsaufnahme mit Hilfe des
Geographischen Informationssystems des Umweltbundesamts
durchgeführt.
Die langlebigen Nuklide Cäsium-137 (Halbwertzeit 30 Jahre) und
Cäsium-134 (Halbwertzeit 2 Jahre) aus dem Fallout des
Reaktorunfalls in Tschernobyl am 26.4.1986 sind im Boden immer
noch meßbar vorhanden. Da die Menge an deponierten radioakiven
Nukliden insbesonders vom Niederschlag an den Tagen nach dem
Unglück (29.4. bis 10.5.1986) abhängt, ist ihre Verteilung
regional sehr unterschiedlich. |
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Bodenbelastung durch Cäsium-137 (Stand: Mai 1986)
© Umweltbundesamt |
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Bereits die Auswertung der Daten der 336 Meßstellen des
österreichischen Strahlenfrühwarnsystems liefert ein erstes Bild
der radioaktiven Kontamination direkt nach dem Unfall in
Tschernobyl. Dieses Bild ist allerdings relativ grob und
ermöglicht nur einen ungenauen Rückschluß auf die Deposition.
Die radioaktive Kontamination der Böden wurde seitdem in vielen
regionalen und radioökologischen Projekten verschiedener
Institutionen untersucht. Das Umweltbundesamt hat gemeinsam mit
dem Bundesministerium für Gesundheit diese in Österreich seit
dem Reaktorunfall in Tschernobyl durchgeführten Messungen der
Kontamination der Böden mit Cäsium-137 zusammengefaßt. Ziel ist
die Durchführung einer detaillierten, flächenhaften
Bestandsaufnahme über die Belastung der österreichischen Böden,
um etwaige neue Kontaminationen rascher und besser
quantifizieren zu können. Die Meßdaten und Ergebnisse sollen
letztendlich in das im Aufbau befindliche bundesweite
Bodeninformationssystem des Umweltbundesamtes (BORIS) integriert
werden |
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| Entsprechend der Niederschlagssituation Ende April/Anfang Mai
1986 sind die Böden regional sehr ungleichmäßig kontaminiert.
Besonders stark belastete Gebiete mit Spitzenwerten der
Flächenbelastung bis über 100 kBq/m2 sind: |
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Ein von Nordost bis zu den Hohen
Tauern verlaufender Streifen: Teile des Wald-, Mühl-
und Hausruckviertels, die Gegend um Linz,
die Welser Heide, die Phyrngegend, das Salzkammergut, die
westlichen Niederen Tauern und Hohen Tauern bis zu den
Zillertaler Alpen; |
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Ein Gebiet im Süden Österreichs: Koralpe, Südkärnten. Dieser
Streifen setzt sich nach Italien fort. |
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Aus der Analyse der berechneten Rasterdaten ergibt sich eine
mittlere Flächenbelastung Österreichs mit Cäsium-137 von 21
kBq/m2. Damit hat Österreich die höchste mittlere Belastung mit
Ausnahme der Ukraine, Weißrußlands und Skandinaviens.
Für die Fläche Österreichs bedeutet das ein Gesamtinventar an
Cäsium-137 von ca. 1.76 PBq (1 PetaBq = 1015 Bq), davon ca. 0.19
PBq altes Bomben-Cäsium. Insgesamt wurden in Tschernobyl
schätzungsweise 70 bis 130 PBq freigesetzt, das bedeutet, daß
etwa 1.2 bis 2.2 % des freigesetzten Cäsium-137 in
österreichischen Böden gespeichert sind. |
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Bodenbelastung durch Cäsium-137 (Stand: Mai 1996)
© Umweltbundesamt |
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| Bei der Untersuchung der Korrelation zwischen Niederschlag und
Bodeninventar an Cäsium-137 zeigt sich deutlich, daß in Gebieten
in denen es in den Tagen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl
(29.4. bis 10.5.1986) kaum geregnet hat die Bodenbelastung
gering ist. Dagegen ist in Regionen mit starkem Niederschlag in
diesen Tagen die Bodenbelastung sehr hoch, obwohl die
darüberziehenden Luftmassen ähnlich hoch belastet waren. Die
Untersuchungen weisen darauf hin, daß die meiste Aktivität
zwischen dem 29.4. und dem 2.5.1986 deponiert worden ist. |
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Veröffentlicht in: DOLLINGER,F. und J.STROBL (1996): Angewandte
Geographische Informationsverarbeitung VIII = Salzburger
Geographische Materialien, Heft 24. Selbstverlag des Instituts
für Geographie der Universität Salzburg.
Literatur:
Bossew P., et al.: CÄSIUMBELASTUNG DER BÖDEN ÖSTERREICHS
Umweltbundesamt, Wien, März 1996. ( Monographien, Band 60)
© 1996 Institut für Geographie der Universität Salzburg
Auszugsweise aus |
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Der Assistenzeinsatz des Bundesheeres |
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Spürtrupp des österreichischen Bundesheeres |
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Österreich war nach dem Kernkraftwerksunfall
von Tschernobyl in einer eher guten Ausgangssituation: Das
Strahlenfrühwarnsystem des Bundes mit insgesamt 336
Messstationen über das gesamte Bundesgebiet war installiert und
zeigte die aktuelle Verstrahlungssituation an. Dazu gab es eine
ausreichende Zahl von Niedrigstaktivitätsmessgeräten. Insgesamt
haben in Österreich die staatlichen oder staatlich autorisierten
Messstellen etwa 100 000 Lebensmittelproben gemessen. Für den
Probentransport stand eine ausreichende Kapazität an
Transportmitteln zur Verfügung. Hinzu kam eine große Zahl an
ausgebildeten Spürtrupps: Etwa 700 ausgebildete, mobile
Spürtrupps des Bundesheeres, der Exekutive und anderer
Einsatzorganisationen standen zur Messung von großräumigen
Kontaminationen zur Verfügung. Diese Spürtrupps waren vor allem
zur Messdatenverdichtung bei jenen "hot spots" wichtig, wo keine
Strahlenfrühwarnsystemstation vorhanden war. Außerdem wurden
einige dieser Spürtrupps an Grenzübertrittsstellen zum Einsatz
gebracht, wo durch das Abspüren von Personen, Fahrzeugen und
Zügen eine Kontaminationsverschleppung auf österreichisches
Staatsgebiet minimiert wurde. Die zivilen Einsatzorganisationen,
die für den Strahlenschutz der Bevölkerung einen Auftrag hatten,
leisteten hervorragende Arbeit. Die Kapazitäten reichten jedoch
für einen großräumigen Kontaminationsfall nicht aus. Das
Österreichische Bundesheer (ÖBH) wurde zur Assistenzleistung und
damit zur Unterstützung der zivilen Einsatzorganisationen
herangezogen.
Das Strahlenfrühwarnsystem maß nach der insgesamt neunteiligen
Skala (0 bis 8) Werte in den Bereichen der Warnpegel 2 bis 3 (30
µR/h bis 100 µR/h und 100µR/h bis 1 mR/h, d.s. 0,3 µSv/h bis 1
µSv/h und 1 µSv/h bis 0,01 mSv/h) das ergab somit die
Gefährdungsstufen I und II von IV.
Bei Gefährdungsstufe I erreicht die zusätzliche
Strahlenbelastung einmal die Größe der jährlich wirksamen
natürlichen Strahlendosis. Es wird keine gesundheitliche
Gefährdung von Einzelpersonen erwartet. Eine Minimierung der
Strahlenbelastung für die Gesamtbevölkerung ist im Hinblick auf
bestimmte Risikogruppen, vor allem Kleinkinder, angezeigt.
Maßnahmen in dieser Gefährdungsstufe wären beispielsweise die
Aufforderung zum Konsumverzicht auf bestimmte Nahrungsmittel,
ein vorläufiges Ernteverbot für Gemüse und Obst (saisonabhängig)
oder ein Weideverbot für Kühe.
Auch bei Gefährdungsstufe II werden noch keine gesundheitlichen
Auswirkungen auf Einzelpersonen erwartet. Eine Minimierung der
Strahlenbelastung für die Gesamtbevölkerung ist erforderlich,
eine Reduzierung der Strahlenbelastung für Risikogruppen
notwendig. Maßnahmen, die dieser Stufe entsprechen, wären
beispielsweise eine Aufenthaltsbeschränkung im Freien oder die
Verbringung von Nutztieren in Stallungen. |
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Dekontaminierung eines Flugzeuges durch Spezialisten des
Bundesheeres |
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Das staatliche Krisenmanagement der Republik
Österreich, welches damals im Bundeskanzleramt gebildet wurde
(heute wäre dies im Bundesministerium für Inneres), wurde aktiv
und begann mit der Erfassung der exakten Verstrahlung, der
vorausschauenden Beurteilung der möglichen Entwicklung des
Verstrahlungsbildes sowie mit der Einschätzung der zu
erwartenden Folge- und Gesamtdosis als Strahlenbelastung infolge
des Kernkraftwerksunfalls. Daraus leiteten sich die Maßnahmen
zur Reduzierung der Strahlenbelastung ab.
Oberstes Ziel konnte nur sein, die radioaktive Belastung der
Bevölkerung nach dem "ALARA-Prinzip" (As Low As Reasonable
Achievable) so gering wie möglich zu halten. Einerseits konnte
eine radioaktive Belastung über das Einatmen durch Empfehlungen
zur Beschränkung des Aufenthaltes im Freien vermindert werden,
andererseits eine Inkorporation vermindert werden, indem
Lebensmittel, die besonders belastet waren, nicht oder nur
beschränkt zum Verzehr zugelassen wurden. Vier Maßnahmen
leisteten einen wesentlichen Beitrag zur Dosiseinsparung: - das
Verkaufsverbot für Frischgemüse in den ersten drei Wochen; - das
Verbot der Grünfütterung von Milchkühen im gleichen Zeitraum; -
die Auswahl von niedrig aktiver Frischmilch in den Molkereien im
ersten Jahr sowie - die Erstellung von Fütterungsplänen in der
Milchwirtschaft.
Die gesamte Einsparung durch alle Maßnahmen zusammen betrug etwa
0,33 mSv. Die Maßnahmen zur Reduzierung der Strahlenbelastung
für die Bevölkerung erforderten unter anderem die Schaffung
eines klaren Lagebildes durch eine Verdichtung der Messwerte des
Strahlenfrühwarnsystems mit mobilen Spürtrupps, die
Probenziehung aus Boden, Luft und Lebensmitteln samt Auswertung,
sowie auch Spür- und Dekontaminationsmaßnahmen an
Grenzübertrittsstellen, um eine Einschleppung der Kontamination
zu vermeiden. |
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Auszugsweise aus
TRUPPENDIENST
Zeitschrift für Ausbildung, Führung und Einsatz im
Österreichischen Bundesheer |
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Nukleare Risken |
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Atomkraftwerk Tschechische Republik - © Vojtech Soukup |
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Von den insgesamt etwa 70 PBq Cäsium 137 (1
Peta-Becquerel entspricht 10 hoch 15 Becquerel, d.h. einer
Billiarde Becquerel), die in Tschernobyl freigesetzt wurden,
sind etwa 1,76 PBq - also etwas mehr als zwei Prozent - in
Österreich deponiert worden. Die mittlere Flächenbelastung
Österreichs mit Cäsium 137 betrug 21 kBq/m2 (21.000 Becquerel
pro Quadratmeter).
Dr. Karl Kienzl, stellvertretender Geschäftsführer im
Umweltbundesamt, betont: "In diesem Zusammenhang muss man
natürlich darauf hinweisen, dass die Atomenergie keine Lösung
für die Klimafrage bieten kann und Österreich noch immer die
nuklearen Risken, die andere eingehen, importiert." (Newsarchiv
2006). |
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Unfallchronik europäischer nuklearer Anlagen
vor 1986 |
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Bereits 1957 kam es im britischen Sellafield,
einer der ältesten nuklearen Anlagen der Welt, zu einem
folgenschweren Brand.
1956 wurde auf dem Gelände ein Atomkraftwerk in Betrieb
genommen, das anschließend mehr als 45 Jahre lang Strom
lieferte. Nach technischen Schwierigkeiten wurden die vier
Reaktorblöcke seit 2001 nach und nach abgeschaltet. 1964 wurde
in Sellafield eine erste Fabrik zur Aufbereitung von
Magnox-Atombrennstoff in Dienst gestellt. Sie soll 2010
geschlossen werden. Durch ein über Monate hinweg unentdeckt
gebliebenes geplatztes Rohr flossen im Jahre 2005 mehr als 20
Tonnen hochaktive radioaktive Substanzen.
Am 29.1.1969 kam es im Schweizer AKW Lucens zu einer
Kernschmelze. Der Reaktor wurde stillegelegt. Der Abbau des
Reaktors dauerte 24 Jahre.
Nahe der bayrischen Stadt Landshut stand bis 1995 das AKW
Niederaichbach. Die Anlage war zwischen 1972 und 1974 in
Betrieb. Das Kraftwerk zeichnete sich aber durch gravierende
Probleme aus. Die in den zwei Betriebsjahren erzeugte Strommenge
entsprach gerade 18 Volllasttagen.
Bereits 1976 und 1977 kam es im slowakischen Jaslovske Bohunice
zu zwei schwerwiegenden Unfällen. Der A1-Reaktor wurde schwer
beschädigt, es kam zu Freisetzungen von Radioaktivität. Der
Reaktor wurde 1980 stillgelegt, ist jedoch bis heute noch nicht
vollständig abgebaut.
Am 28. März 1979 ereignete sich im amerikanischen AKW Three Mile
Island der bis dahin schwerste Zwischenfall in einem
US-Kernkraftwerk, als es im Reaktorblock 2 zu einer partiellen
Kernschmelze kam, in deren Verlauf ca. ein Drittel des
Reaktorkerns fragmentiert wurde oder schmolz. |
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Text auszugsweise aus
Pressestelle Umweltbundesamt (Newsarchiv 2006) |
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