Das Geheimnis der Virgilkapelle
I. Bezirk (Innere Stadt), Virgilkapelle in der U-Bahn-Station Stephansplatz.
Die meisten Besucher Wiens gehen über einen wichtigen und bemerkenswerten Teil seiner Geschichte, ohne es wahrzunehmen. Am Stephansplatz sind auf dem Pflaster (am besten sieht man das von einer Terrasse am Haas-Haus) die Umrisslinien des Magdalenenkirchleins nachgezeichnet. Es wurde im 14. Jahrhundert im damals den Stephansdom umgebenden Friedhof errichtet und für Einsegnungen und Totenmessen verwendet, bis man es nach einem Brand 1781 abriss. Damit ging ein unterirdischer Raum darunter verloren, der 1973 wieder zum Vorschein kam, als man den Platz aufgrub, um die U-Bahn-Station Stephansplatz zu errichten.
© Verlag Christian Brandstätter
Bild: Die Umrisslinien von Virgilkapelle und Magdalenenkirchlein am Stephansplatz.
© Verlag Christian Brandstätter - Duncan J. D. Smith
Was nach beinahe 200 Jahren hier wieder ans Tageslicht kam, waren die geheimnisvollen Überreste der Virgilkapelle. Es ist ein 10,5 Meter langer und 6 Meter breiter rechteckiger Raum, der Boden liegt etwa 12 Meter unter dem heutigen Pflaster. Das gegenwärtige Deckengewölbe wurde später aufgesetzt; die ursprünglichen Mauern erhoben sich bis 1,5 Meter über dem heutigen Bodenniveau, die Kapelle war also 13 bis 14 Meter hoch. Die Wände sind 1,5 Meter dick und wurden von sechs Seitenkapellen unterteilt (ihre Umrisse sind am Stephansplatz in weißen Steinen nachgezogen); eine davon war dort, wo heute der unterirdische Besuchereingang liegt. Sie sind weiß verputzt und mit roten Linien bemalt, um eine ungefähre Vorstellung des feinen Mauerwerks zu geben; oben an jeder Nische befindet sich ein Kreuz in einem Kreis. Seltsamer Weise findet sich ein solches Motiv am ehesten im syrisch-palästinensischen Raum und in der frühchristlichen und byzantinischen Kunst. Ungewöhnlich ist auch der Umstand, dass der Raum bloß einen Lehmboden ohne Anzeichen von Pflasterung hat und dass es einen Brunnen ohne erkennbare Funktion gibt. Am mysteriösesten aber ist, wie man überhaupt in das Gebäude hineinkam – anscheinend nur durch eine Falltür in einer Kapelle, die oberhalb des Gewölbes auf dem Stephansplatz stand.

Obwohl es merkwürdiger Weise in Dokumenten aus dem 13. Jahrhundert nicht erwähnt ist, ist das Gebäude aufgrund seines Stils in die Regierungszeit des letzten Babenberger Herzogs, Friedrich II. (1230-1246) datiert worden, vor allem wegen seines originalen Gewölbes, das jenem der datierbaren Michaelerkirche gleicht, und dem Motiv des Kreuzes im Kreis, das an die spätromanische Rosette in der alten, 1230 erbauten, doch erst 1945 wiederentdeckten Westgalerie des Stephansdoms erinnert. Man nimmt an, dass Friedrich II., der Wien gerne zum Erzbistum erheben hätte lassen, die Kapelle als mögliches Grabmal für St. Koloman, den Schutzpatron der neuen Diözese, errichten ließ. Koloman war ein irischer Pilger auf dem Weg ins Heilige Land, verehrt wegen seiner Heilkräfte; unterwegs wurde er in Niederösterreich als Spion verdächtigt und gehängt (ein glückbringender Stein von der Stelle seines Martyriums wurde 1361 in das Bischofsportal am Stephansdom eingefügt; die Knochen des Heiligen sind in Stift Melk in der Wachau beigesetzt). Nach Friedrichs Tod in einer Schlacht gegen die Ungarn 1246 und dem Thronantritt der Habsburger 30 Jahre später (Friedrich hatte keine Erben hinterlassen) wurde der Plan eines Kolomangrabes aufgegeben. Später, im frühen 14. Jahrhundert, wurde der alte Karner (wo man exhumierte Knochen aufbewahrte, um neue Begräbnisstätten zu schaffen) beim Bau der neuen Kanzel des Stephansdoms zerstört. Da Friedrichs grandioser unterirdischer Raum nun funktionslos war, wurde das Dachgewölbe entfernt und etwas tiefer eine Decke eingezogen, zwischen ihm und der oberen Kapelle wurde ein neuer Karner eingefügt.

Der unterirdische Raum ging dann an die wohlhabende Kaufmannsfamilie Chrannest, die ihn bis um 1340 als Begräbnisstätte nutzte. Sie ließen einige Altäre einbauen; einer davon war dem hl. Virgil geweiht, nach dem das Gebäude heute benannt ist. Nachdem die Chrannest ausgestorben waren, wurde das Gebäude im 16. Jahrhundert Versammlungsort der Kaufmannsbruderschaft und der neu gegründeten Fronleichnamsbruderschaft.

1378 war die darüber liegende Kapelle durch einen Chor ostwärts erweitert worden; seit damals war sie als Magdalenenkirchlein bekannt, das in der berühmten Wien-Karte von Jakob Hoefnagel von 1609 detailliert dargestellt ist. Die Kapelle mit ihrem Turm und dem polygonalen Chor mit den Strebepfeilern ist deutlich zu erkennen. Der Letztere war Sitz der Schreiberzeche, deren Siegel das Bild ihrer Schutzpatronin Maria Magdalena trug. Die Funktion des neuen Karners wurde übrigens bald von den viel größeren unterirdischen Krypten des Stephansdoms übernommen, wo man bis 1783 Tausende Leichen zur letzten Ruhe bettete, nur zwei Jahre, nachdem die Kapelle und ihre verborgenen Räume zerstört worden waren.
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Der Eingang zur Virgilkapelle enthält eine kleine, doch interessante Sammlung von aus neun Jahrhunderten stammenden Keramikarbeiten, die in Wien ausgegraben wurden. Beachten Sie die zwei bezaubernden Flöten in Vogelform.
Bild links: Die geheimnisvolle Virgilkapelle unter dem Stephansplatz.

© Verlag Christian Brandstätter
    Duncan J. D. Smith
auszugsweise aus
Duncan J. D. Smith; Nur in Wien
Ein Reiseführer zu sonderbaren Orten, geheimen Plätzen und versteckten Sehenswürdigkeiten
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Fotografien von Duncan J. D. Smith

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mit freundlicher Genehmigung
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