Ernst Kaltenbrunner in Parade vor dem Burgtheater, 29.1.1939
Mit Deutschland und Italien war
Österreich in diesen Jahren eingekreist von Staaten faschistischer
Prägung. Sowohl dem politischen wie dem wirtschaftlichen Druck
vermochte das Land immer weniger standzuhalten, und im März 1938
erfolgte der "Anschluss" an Hitler-Deutschland. Adolf Hitler, der
anlässlich seines ersten Besuches im Wiener Rathaus davon sprach, dieser
"Perle", der Stadt Wien, eine würdige Fassung geben zu wollen, sollte
mit seiner Politik freilich nicht nur über Europa und die Welt, sondern
auch über Österreich und Wien schweres Leid bringen.
Der in
Wien seit vielen Jahrhunderten, vor allem aber seit der Jahrhundertwende herrschende
Antisemitismus verband sich mit der letztlich auf die Vernichtung des jüdischen
Bevölkerungselements gerichteten Politik der Nationalsozialisten, und im November
1938 fielen die Wiener Synagogen, damit die Zentren des religiösen wie sozialen Lebens
der jüdischen Mitbürger, der Zerstörungswut des "Novemberpogroms"
("Reichskristallnacht") zum Opfer.
Bereits im Oktober 1938 war es zu einer umfassenden Gebietserweiterung von Wien gekommen,
wobei man Vorbildern, wie etwa Groß-Hamburg, folgte. 97 niederösterreichische Gemeinden
kamen damals zu Wien, die Zahl der städtischen Bezirke (bisher 21) stieg auf 26, die
Erweiterung reichte in alle Himmelsrichtungen tief in bisher niederösterreichisches
Gebiet hinein, das Stadtgebiet hatte sich verdreifacht. In diesem territorialen Rahmen
erlebte die Stadt und ihre Bevölkerung die Jahre des Zweiten Weltkriegs, der im Gegensatz
zu den Geschehnissen der Jahre 1914 - 1918 nun auch Wien unmittelbar betraf. Ab dem Jahre
1943 erfolgten immer wieder Bombenangriffe der Alliierten, das Kriegsende in den
Apriltagen des Jahres 1945 sah Kampfhandlungen mitten in der Stadt.
Schwere Feldhaubitze
„Wien an der Donau“
Nach 1938 brach in Wien eine Planungseuphorie aus.
Die führenden Kräfte in der Stadtverwaltung entwickelten
Neugestaltungsprojekte in gigantischem Ausmaß: eine Monumentalstraße auf
den Kahlenberg, wurde entworfen (1938), ein „Kultbezirk“ auf dem
Heldenplatz (1940), vor allem dachte man aber an ein Näherrücken Wiens
an die Donau, einmal durch die Schaffung einer „Nordstadt“ für 150 000
Menschen zwischen Floridsdorf und Kagran, zum andern durch die Schaffung
eines riesigen Aufmarsch- und Festgeländes in der Verlängerung der
Ringstraße über den Donaukanal. Es war vorgesehen, die Leopoldstadt, die
Wiener Judenstadt, völlig abzubrechen, die Vertreibung ihrer Bewohner
war ja längst im Gang. Am donauseitigen Ende des „Parteiforums“ sollte
ein offizieller Ankunftsplatz für Gäste samt einem Zentralbahnhof
entstehen, am stadtseitigen unter Schleifung der Gegend um
Ruprechtskirche und Kirche Maria am Gestade ein alle historischen Bauten
überragendes „Nationaldenkmal“. Nicht zuletzt, weil das von Hitler
gehasste Wien seiner Jugend nicht zu den „Neugestaltungsstädten“ erklärt
worden war, kamen die Pläne von „Wien an der Donau“ bald zum Erliegen.
Wien und das „Ostmarkgesetz“
1.Mai. Das „Ostmarkgesetz“ tritt in Kraft. Für Wien
bringt es die endgültige Umwandlung von einer Landes- in eine
reichsunmittelbare Verwaltung unter dem Reichstatthalter. Der
Bürgermeister singt zu dessen Stellvertreter in der Stadtverwaltung
herab und nimmt lediglich den Rang eines Ersten Beigeordneten (etwa:
Stadtrat) ein. Diese so genannte „Selbstverwaltung“ Wiens ist auf
politisch unwichtige und administrative Aufgaben beschränkt. Gezielte
Kommunalpolitik wird ab 1938 dem Ausbau von Industrie- zu
Rüstungsunternehmen (Simmeringer Paukerwerke, Floridsdorfer
Waggonfabrik, DDSG) und kriegssichernden Maßnahmen (Flaktürme ? 1944)
untergeordnet.
Spenden und Sammlungen
Posthelferinnen bei der Arbeit in
einer Postsammelstelle
Bald nach dem „Anschluss“ lernten die Wiener auch im
täglichen Leben reichsdeutsche Besonderheiten kennen: die unzähligen
Sammlungen, die auf der Straße in Wohnhäusern und Betrieben durchgeführt
wurden. Da war ab Oktober 1938 die Eintopfspende mit dem verordneten
sonntäglichen Eintopfessen in Gasthäusern und Haushalten als „Ausdruck
der deutschen Volksgemeinschaft“; es gab die wiederkehrenden Sammlungen
für das Winterhilfswerk (WHW).
Anfang 1940 etwa wurde in Wien mit großem Aufwand
eine derartige Sammlung veranstaltet, für die viele Schauspieler der
Gauhauptstadt auf Plätzen und in Lokalen Stimmung machen mussten. Für
eine Spende – die Aktion brachte 551 000 Reichsmark – erhielt man
Alt-Wiener Lokalfiguren aus Bakelit an den Rockaufschlag bzw.
Mantelkragen geheftet. Gesammelt wurde in diesen Kriegsjahren nicht nur
Geld, sondern auch Altpapier, Knochen, Metall, Lumpen, Bücher, Flaschen,
Spielzeug und – im Spätherbst 1941, als sich zeigte, dass die Soldaten
an der Ostfront nur unzureichend ausgerüstet waren – Winterkleidung und
Skiausrüstungen. Der letzte „Großsammeltag zum Volksopfer“ im Jänner
1945 kam dem Zwang gleich, auch die letzten Reserven zu geben: Vorhänge,
Kleider, Öfen, Essbesteck…
Mühsamer Kriegsalltag
Mappe, Schultasche, Gürtel und
Behältnisse aus Lederersatz (Kunststoffdispersionen).
6.April. Lebensmittel werden knapper. In den drei
Kriegsjahren ist das tägliche Leben härter und mühsamer geworden Längst
hat man sich an die Essensbeschaffung mit Lebensmittelkarten, an
Ersatzstoffe und an Sparrezepte gewöhnt: „Stellt nur Pellkartoffeln,
Erdäpfel mit Schöler, auf den Tisch!“
Ab dem Winter 1941/42 jedoch wird die Ernährungslage prekär;
Normalverbraucher erhalten 1942 neben 2000 Gramm Brot, 206 Gramm Fett
und 300 Gramm Fleisch 3(1044: 1) Kilo Kartoffeln in der Woche und 2
(1943: 1) Eier im Monat. Obst und Gemüse gibt es selten,
Sonderzuteilungen von Knoblauch, Wild oder gar Bohnenkaffee werden
freudig begrüßt. Auch Schuhe, Heizmaterial und Dinge des täglichen
Gebrauchs wie Nähnadeln, Papier und Seife sind Mangelware – man ist aufs
Improvisieren oder auf „Vater Schleich“ angewiesen.
Zu
den wichtigsten Schleichhandelsgütern zählen die seit Jänner 192
rationierten Zigaretten. Der Gasthaus- und Hotelbetrieb wird, da nicht
„kriegswichtig“, stufenweise eingeschränkt, die Wiener müssen auf den
Heurigen verzichten: mit 29.Mai 1942 wird der Buschenschank untersagt.
Widerstand
Der kampflose Untergang Ö. mit dem Anschluss an Deutschland
am 13. 3. 1938, die totale nat.-soz. Machtergreifung,
die sofortigen und umfassenden Verfolgungsmaßnahmen, die
beispiellose Propaganda- kampagne sowie verschiedene anschlussfreundl.
Erklärungen ö. Institutionen und Persönlich- keiten (v. a.
die der ö. Bischöfe und ein Zeitungsinterview von K. Renner) führten
dazu, dass eine breitere Formierung von illegalen Organisationen
gegen den Nationalsozialismus erst im Sommer und Herbst 1938 begann.
Im Unterschied zu anderen besetzten
Ländern hatten in Ö. die Widerstandskämpfer in einer von Denunzianten
und fanat. Regimeanhängern durchsetzten Umwelt zu wirken. Die größten
organisierten Gruppierungen gehörten der Arbeiterbewegung (hauptsächl.
in den Ind.-Zentren in OÖ.) und dem kath.-bürgerl. Lager an. Innerhalb
dieser beiden Lager verflossen im Widerstand die Grenzen zw. Sozialdemokraten,
Kommunisten und anderen Linksgruppen einerseits und ehem. Christl.-Soz.
und Heimwehrangehörigen sowie Monarchisten und Katholiken andererseits.
Die einzelnen Widerstandsgruppen waren von polit., ideolog., religiösen,
soz., ethischen und ö.-patriot. Motivationen geprägt. Wesentlichste
Aktivität war die Verbreitung illegaler Druckwerke, wie Streuzettel,
Flugblätter und Ztschr. Damit sollte das Meinungsmonopol des NS-Regimes
durchbrochen werden. Die (in Ö. schon ab 1935/36) verbotene Glaubensgemeinschaft
"Internationale Bibelforschervereinigung" (Jehovas Zeugen)
stellte die Ablehnung des Wehrdiensts in den Mittelpunkt ihres Widerstands.
Ab 1942 bildeten sich, meist auf Initiative von Kommunisten, bewaffnete
Widerstandsgruppen (v. a. slowen. Partisanen in S-Kä., Gruppe
Leoben-Donawitz). Gegen Ende des Kriegs formierten sich vielfach überparteil.
Widerstandsgruppen, deren Aktivisten aus verschiedenen polit. und
soz. Lagern stammten; sie wollten u. a. sinnlose, verlustreiche
Kämpfe verhindern. Die größte dieser Widerstandsgruppen war die Gruppe
05, die mit der militär. Widerstandsgruppe im Wehrkreiskommando XVII
in Wien (unter der Leitung von Major C.Szokoll) in Verbindung stand
(K.
Biedermann, A. Huth, R. Raschke). Die Ti. Widerstandsbewegung unter
K.Gruber konnte die Stadt Innsbruck noch vor dem Eintreffen der ersten
US-Truppen befreien. Der nichtorganisierte Widerstand bzw. das Oppositionsverhalten
von einzelnen reichte von antinazist. Haltung und defätist. Äußerungen
über das verbotene Abhören ausländ. Sender bis hin zur Sabotage und
zur Hilfeleistung für Verfolgte (Juden, Fremdarbeiter, Kriegsgefangene
u. a.). Etwa 2700 Österreicher wurden als aktive Widerstandskämpfer
zum Tod verurteilt und hingerichtet, und ca. 32.000 Österreicher (Widerstandskämpfer
und Opfer präventiver Verfolgung) starben in Konzentrationslagern
und Gefängnissen, insbes. der Gestapo. Geschätzte 15.000 Österreicher
kamen als alliierte Soldaten, als Partisanen oder im europ. Widerstand
um. Rd. 100.000 Österreicher waren aus polit. Gründen inhaftiert.
Zwar erfolgte die Befreiung Ö. vom NS-Regime ausschließl. durch die Streitkräfte der
Alliierten im Zweiten Weltkrieg, doch diente der Widerstandskampf der polit.-moral.
Rehabilitierung Ö. und war im Hinblick auf den in der Moskauer Deklaration der Alliierten
(1. 11. 1943) von den Österreichern geforderten eig. Beitrag zu ihrer Befreiung von
eminentem polit. Wert. Das in Widerstand, Verfolgung und Emigration gewachsene Bekenntnis
zu Ö., zur staatl. Unabhängigkeit und nationalen Eigenständigkeit, wurde zu einer der
wesentl. geistig-polit. Grundlagen der Zweiten Republik.
Text auszugsweise aus
aeiou - das kulturinformationssystem des bm:bwk
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